2016-10-17

Neuer Name für „geistige“ Behinderung?

Die Lebenshilfe Österreich beschloss im Jahr 2005 die Änderung ihres Namens. In Zukunft wurde der Begriff „geistig“ vermieden und sie nennt sich seitdem „Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen“. Bei einer internationalen Tagung wurde dies beraten. Auf dieser Tagung waren die Mitarbeiter der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Deutschland, Ulrich Niehoff und Prof. Biewer vertreten und kennzeichneten beim Workshop der Lebenshilfe Österreich am 15. 09. 05 die Situation recht zutreffend: 1. Die Notwendigkeit für einen neuen Begriff ergibt sich aus dem berechtigten Anliegen und Wunsch der Betroffenen. Das „geistig behindert“ wird in der Mehrheit als diskriminierend empfunden und als Schimpfwort eingestuft. Im wissenschaftlichen Bereich hebt vor allem der soziologische Makel die Wechselwirkung zwischen Einstellung und Begriff hervor. Dies begründet die Hoffnung, dass positive Begriffe zu einer positiveren Sicht (Menschenbild) und Handeln beitragen können. 2. Andererseits befürchten die Betroffenen durch das Aufgeben von „geistige Behinderung“ Nachteile. Der Versuch die bezeichneten Menschen begrifflich einzugrenzen, würden die Lebenschancen auf das gleiche Niveau heben. Solidarität könnte aufhören und die Begründung sozialrechtlicher Ansprüche wird schwieriger, wenn eine ungefähre klare Bezeichnung nicht mehr vorhanden ist. So sind derzeit Menschen mit geistiger Behinderung von den Olympischen Spielen für Behinderte ausgeschlossen, da ein einheitliches Merkmal für den „Handicap-Ausgleich“ fehlt. 3. Es ist ein großes Problem, für den Begriff „geistige“ einen neuen, für alle akzeptablen Namen zu finden. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass die neue Bezeichnung auf Dauer positiv vorhanden bleibt, wenn die betroffenen Menschen diesen eigenen Status nicht verändern. Das Bemühen sollte als Ziel vorrangig sein, sogar bei der Begriffssuche. Die Sachlage könnte zu Punkt 2 und 3 durch weitere Ergänzungen verdeutlicht werden. Ergänzung zu 2. Kulig und Andere (2006) weisen auf grundsätzliche Probleme hin, sobald sich der Begriff „geistige Behinderung“ verändert: • Dieser Begriff ist allgemein verständlich und viel Zeit würde ein ähnlich hoher Verständigungsgrad benötigen. • Mit einer „Konfusion verschiedener Endpunkte“ müsste gerechnet werden. Die Denkensweisende Kommunikation werde erschwert. • Der Begriff besitzt eine sozialrechtliche Relevanz und könnte bei einer zu erwartenden begrifflichen Aufweichung für behinderte Menschen bei der Gewährung um Hilfen Nachteile ergeben. • Ein neuer Begriff müsste theoretisch authentisch sein und entwickelt werden. Die tatsächliche und theoretische Benennung des bisherigen Begriffs ginge verloren. • Der neue Begriff hätte dann einen ebenso stigmatisierenden Charakter wie der bisherige, da dieser Begriff auf den neuen übertragen würde. Ergänzung zu 3. In Europa gibt es nach Lindmeier & Lindmeier (2006) eine Vielzahl verschiedener Begriffe, darunter fallen „geistige Behinderung, intellektuelle Behinderung, geistige Entwicklungsverzögerung, Schwierigkeiten und Beeinträchtigung beim Lernen und intellektuelle Schwierigkeiten“. Bevorzugt wird von People First „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (people with learning difficulties). Die Bezeichnung hat sich im schulischen Bereich „spezielle Erziehungsbedürfnisse“ (special educational needs – SEN) weitgehend für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf durchgesetzt. Die USA versucht, den Begriff „mental retardation“, „intellectual disabilities“, „develompental disabilities“ oder „mental disabilities“ durch einen neuen zu ersetzen. Dabei zeigt sich das Problem unklarer Abgrenzungen für eine Entscheidung spezieller Hilfen. Somit werden die traditionellen IQ-bezogenen Kriterien in der Forschung und Berufspraxis eine große Rolle spielen.

Abwägung

Lebenshilfe bei BehinderungDie Situation zu versuchen, den Begriff zu ändern ist vielfältig.

  1. Gesucht wird ein möglichst eingrenzender Begriff, damit eine prinzipielle Gleichheit aller Menschen hervorgehoben wird. Dennoch ergibt sich in verschiedenen Zusammenhängen notwendigerweise eine möglichst eindeutige Definition. Das widerspricht sich gegensätzlich. Der bevorzugte Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ umfasst zum Beispiel weit mehr die Menschen, als die Bezeichnung in Deutschland „geistig behindert“. Jegliche Kombinationen mit ‚disabilities’ werden das Problem einer adäquaten Übersetzung aufwerfen. Denn disability heißt übersetzt Unfähigkeit und bedeutet für das Wort „Behinderung“ einen Schritt zurück.
  2. Die Bezeichnung „geistiger Behinderung“ hat unterschiedliche Dimensionen und lässt sich kaum in einem Begriff zusammenfassen. Das Beispiel der ICF verdeutlicht dies. Ineinander wirken:
  • Die Beeinträchtigung körperlicher Funktionen und Strukturen („Mentale Funktion“)
  • Die Beeinträchtigung von Aktivitäten (ergibt entsprechenden Hilfebedarf)
  • Die Beeinträchtigung der Teilhabe an der Gesellschaft

Diese drei Aspekte hängen von den Faktoren der Umwelt und darauf bezogenen Personen ab. Wird von mentaler, kognitiver oder intellektueller „Beeinträchtigung“ gesprochen, so bezieht sich das auf die organische und funktionelle Seite. Hierüber werden Menschen über ihre „Syndrome“ charakterisiert. Zum Beispiel Menschen mit TS21, Marker X Syndrom und anderen. Allerdings kann sich aus der gleichen chromosomalen Ausgangslage ein unterschiedliches Leben ergeben. Menschen mit TS21 können eine geistige wie eine Lernbehinderung ausbilden. Wird von „besonderen Erziehungsbedürfnissen“ oder „hohem Hilfebedarf“ gesprochen, so verengt sich der Sinn vom zweiten Aspekt, die Aktivitäten. Wird auf den Begriff „behindert“ in einem gesellschaftskritischen Sinne hingewiesen, heißt es, Menschen sind nicht behindert, sondern werden behindert, heben sich Aspekte der Begrenzung an Teilhabe und Umweltfaktoren hervor. Vermutlich wird es den Begriff für diese Komplexität nicht geben. Der Begriff müsste berücksichtigen, dass bei einer geistigen Behinderung eine organische Schädigung vorliegt und im konkreten Leben des Menschen mögliche Aktivitäten bedeutsam sind. Die Teilhabe, also keine Aussonderung, entscheidet darüber, wie ein Mensch sich entwickeln, bilden und in der Gesellschaft ein vollwertiges Mitglied sein kann. Dafür könnte die Definition so aussehen, dass festgestellt wird: Geistig behindert ist jemand bei organischen, genetischen oder anderweitigen Schädigungen. Insbesondere die Beeinträchtigung infolge sozioökonomischer Benachteiligungen und sozialer Isolation in den Kapazitäten Aufnahme und Verarbeitung. Insbesondere eine Beeinträchtigung im Zusammenhang von Wahrnehmung, Handeln, Denken und in der Sensomotorik. Sodass zur Befriedigung ein besonderer Bedarf an Erziehung und Bildung eine lebenslange, spezielle, pädagogische und soziale Hilfe vorhanden sein muss.

Sind Lösungen vorhanden?

Für dieses Problem sind nicht nur gute Lösungen vorhanden. Alle Beteiligten müssten sich darauf einstellen, mit diesem „Problem“ zu leben. Es gilt abzuwägen, welche Aspekte vorrangig sind. Das Anliegen der Betroffenen, die Vermeidung des diskriminierend empfundenen Begriffs, besitzt einen hohen Stellwert. Im Alltag sollte der Begriff „geistige Behinderung“ möglichst vermieden werden. Der Begriff „Menschen mit Lernbeeinträchtigungen“ dagegen ist in einigen Zusammenhängen sinnvoll. Dieser Begriff fasst Menschen mit geistigen Behinderungen und Lernbehinderungen zusammen. Eine weitere erforderliche Spezifizierung könnte als Hinweis auf den daraus folgenden Bedarf an Hilfe und Assistenz bezeichnet werden. Bisher wurden Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung unter „hohem Hilfebedarf“ eingestuft und unterschieden sich von Menschen mit „nur“ einer geistigen Behinderung. Dazu könnte unterschieden werden zwischen: „Menschen mit Lernbeeinträchtigungen“, „Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und alltäglichem Hilfebedarf“ und „Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und hohem Hilfebedarf“. Wie in Österreich ist eine Umbenennung der Lebenshilfe akzeptabel, denn Menschen mit mehrfachen Behinderungen und Autismus werden von dieser Lebenshilfe vertreten. Für die Wissenschaft und rechtliche Zusammenhänge wäre es sinnvoll, den ursprünglichen Begriff „geistige Behinderung“ beizubehalten